Die Sonne ging über dem Rigi auf und färbte den Himmel rosa und golden. Polly hatte die Nacht in einer Kiefer verbracht und über Kaspars Problem nachgedacht.
"Du bist früh auf," sagte sie, als der Alphornspieler aus seinem kleinen Haus kam.
Er lächelte traurig. "Ich kann in letzter Zeit nicht gut schlafen." Vorsichtig stellte er seinen Instrumentenkoffer ab. "Ich habe über das nachgedacht, was du gestern gesagt hast."
Polly flog zu ihm hinunter. "Und?"
"Ich glaube, du liegst falsch. Dieses Problem lässt sich nicht mit positivem Denken lösen oder—" Er verstummte, als eine andere Person durch den Morgennebel erschien.
Sie war etwa fünfundzwanzig Jahre alt, hatte rote Haare und alte Wanderschuhe. Seltsame Ausrüstung war auf ihrem Rücken geschnallt - Metallrohre und Aufnahmegeräte, die sie ungewöhnlich aussehen ließen.
"Herr Brunner?" rief sie auf Deutsch mit britischem Akzent. "Ich bin Emma Hartley von der Universität Edinburgh. Ich studiere alpine Klänge für meine Doktorarbeit."
Kaspar sah verärgert aus. "Wenn Sie mich aufnehmen wollen, bevor ich mich am Samstag blamiere, können Sie—"
"Eigentlich," unterbrach Emma, ihre Augen leuchteten vor Aufregung, "bin ich wegen Ihres Notationssystems hier. Professor Zimmermann hat mir Ihre veröffentlichten Arrangements gezeigt. Die Art, wie Sie Emotionen mit Klang verbinden - das ist erstaunlich."
Polly beobachtete, wie die Begeisterung der jungen Frau auf Kaspars defensive Haltung traf.
"Es hilft nicht, wenn ich nicht richtig spielen kann," sagte er bitter, aber sein Griff um den Koffer lockerte sich.
Emma justierte ihre Ausrüstung. "Genau das ist es - ich glaube nicht, dass Sie traditionell spielen müssen." Sie zog ein Tablet heraus, das Schallwellenmuster zeigte. "Ich habe die akustischen Eigenschaften dieses Berges untersucht. Was, wenn Ihre Dystonie kein Fluch ist, sondern ein Geschenk, das Sie dazu bringt, etwas Neues zu entdecken?"
Kaspar lachte rau. "Ein Geschenk?"
"Hören Sie," fuhr Emma fort. "Was, wenn wir mit Ihren Einschränkungen arbeiten, anstatt gegen sie? Kurze Klänge, die die natürlichen Echokammern des Berges als Teil der Musik nutzen?"
"Zeig ihr deine Komposition," drängte Polly.
Widerwillig zeigte Kaspar sein Notizbuch. Emmas Augen weiteten sich, als sie die Seiten studierte.
"Das ist außergewöhnlich. Sie schaffen einen Dialog zwischen Mensch und Berg." Sie sah ihn respektvoll an. "Was, wenn Ihr Körper Ihnen sagt, dass die alten Wege nicht ausreichen für das, was Sie ausdrücken wollen?"
Schließlich sprach Kaspar leise. "Was haben Sie im Sinn?"
Emma grinste. "Wie wäre es, wenn Sie den ganzen Berg zu Ihrem Instrument machen?"