Die Morgensonne brannte durch den Nebel und zeigte den Rigi klar. Emma hatte eine Stunde damit verbracht, ihre Ausrüstung entlang des Bergrückens aufzubauen. Sie platzierte Sensoren und Mikrofone an verschiedenen Stellen, um das zu schaffen, was sie ein "akustisches Labor" nannte. Polly beobachtete interessiert, wie die junge Forscherin arbeitete.
"So, dann mal los", sagte Emma und klopfte sich den Schmutz von den Knien. "Kaspar, könntest du ein paar Töne spielen?"
Kaspar hob widerwillig sein Alphorn. Er stand auf einem flachen Felsen, der über das Tal ragte, und hob das Instrument an seine Lippen. Er versuchte, einen traditionellen Ruf zu spielen, aber seine Kehle verkrampfte sich. Der Klang brach in stotternde Stücke.
Doch etwas Erstaunliches geschah. Die gebrochenen Töne verschwanden nicht einfach – sie vervielfachten sich. Jedes Stück prallte in einem komplexen Muster zwischen den Felswänden ab. Emmas Ausrüstung verfolgte alles in Echtzeit. Auf ihrem Tablet-Bildschirm tanzten die Schallwellen und erzeugten Harmonien.
"Hörst du das?" hauchte Emma aufgeregt. "Der Berg macht Musik mit dir!"
Kaspar senkte sein Alphorn. "Es klingt wie Chaos."
"Nein", sagte Polly und neigte nachdenklich den Kopf. "Es klingt wie ein Gespräch. Der Berg hat auf jemanden gewartet, der in Fragmenten spricht."
Plötzlich spielte ein anderes Alphorn weiter oben am Berg. Diese Töne waren hart und aggressiv, wie Militärmusik.
"Das ist Gottfried Steiner", murmelte Kaspar, sein Gesicht wurde blass.
"Wer ist das?" fragte Emma.
"Der berühmteste Alphornspieler der Schweiz. Er will die alpenländische Tradition reinhalten. Wenn er herausfindet, was wir hier machen..."
Das entfernte Spiel hörte auf. Polly entdeckte einen großen Mann, der den Pfad hinunterkam und sein Alphorn wie eine Waffe trug.
"Er kommt", kündigte sie an.
Emma begann schnell, ihre Ausrüstung einzupacken. "Sollen wir gehen?"
"Nein", sagte Kaspar mit plötzlicher Entschlossenheit. "Ich bin mein ganzes Leben vor solchen Richtern wie ihm davongelaufen. Vielleicht ist es Zeit, der Musik ins Auge zu sehen."
Als Gottfrieds Gestalt größer wurde, bemerkte Polly etwas Seltsames. Der Berg selbst schien leise zu summen, als ob er darauf wartete zu sehen, was passieren würde, wenn alte Tradition auf neue Ideen trifft.