Der Morgen des Festivals war klar und hell. Kaspar ging mit Polly auf der Schulter vom steinernen Amphitheater hinunter. Beide fühlten sich traurig wegen seiner schwierigen Entscheidung.
"Ich sollte mich darauf vorbereiten zu spielen," sagte er leise. "Aber ich kann nach siebenunddreißig Jahren nicht mehr antreten."
Emma rannte mit ihrer Aufnahmeausrüstung zu ihnen. "Wartet," sagte sie atemlos. "Ich habe eine Idee. Vielleicht denken wir falsch darüber nach."
Plötzlich erfüllten Dutzende Alphörner das Tal mit Musik. Die Noten waren perfekt und präzise, genau wie Gottfried es wollte. Aber nach der Steinsinfonie von letzter Nacht klang die Musik leer.
"Hör zu," sagte Polly und drehte ihren Kopf. "Etwas ist anders."
Sie hatte recht. Einige Spieler mischten falsche Noten mit den traditionellen Klängen. Sie versuchten Kaspars neue Technik, obwohl sie verboten war.
"Sie experimentieren," flüsterte Emma und beobachtete ihr Tablet. "Der Klang verbreitet sich überall."
"BRUNNER!" Gottfrieds Stimme donnerte über das Feld. Er ging auf sie zu, aber er wirkte jetzt anders - weniger wütend, menschlicher. "Die Hälfte der Teilnehmer benutzt deine Methode. Das Komitee tagt gerade."
Kaspar bereitete sich auf einen weiteren Streit vor, aber Gottfried hob die Hand. "Ich habe die Nacht auf dem Berg verbracht," gab er zu. "Ich habe die Steine singen gehört. Ich habe gehört, was der Berg uns sagen wollte." Seine Stimme zitterte. "Mein Großvater sprach von den alten Wegen, vor den Wettbewerben. Er sagte, der Berg habe seine eigene Stimme."
Unter ihnen herrschte Chaos auf dem Festival. Traditionelles und experimentelles Spiel vermischten sich. Emmas Ausrüstung zeigte seltsame Muster, die vom Berg selbst kamen.
"Was sollen wir tun?" fragte Kaspar.
Gottfried hob sein perfektes Alphorn und schlug es gegen einen Felsen, sodass eine kleine Delle entstand. "Wir spielen," sagte er einfach. "Nicht für Tradition oder Innovation, sondern für die Wahrheit."
Die Steinmusiker erschienen auf dem Grat über ihnen. Ihre Lithophonnoten fielen wie ein Segen herab. Alle auf dem Festival hielten inne und schauten nach oben.
"Dies ist der Moment, in dem sich alles ändert," verkündete Polly. "Kaspar, deine Dystonie hat deine Musik nicht zerstört - sie hat die Musik befreit."
Kaspar hob sein Alphorn mit zitternden Händen, die sich plötzlich ruhig anfühlten. Gottfried stand neben ihm. Der erste Ton kam gebrochen, schön und absolut perfekt heraus.