Polly kam am späten Vormittag über die Bucht von Neapel herein. Das Wasser schimmerte in der Farbe von grünem Glas. Auf der anderen Seite der Bucht thronte der Vesuv, halb im Dunst verhüllt, ein perfekt kegelförmiger Berg, der Pompeji im Jahr 79 n. Chr. begraben hatte und seit 1944 nicht mehr ausgebrochen war. Die Luft roch nach Salz, Pinien und dem Diesel kleiner Fischerboote.
Sie folgte der geschwungenen Küstenlinie westwärts. Durch die Straßen von Mergellina konnte sie Wäsche sehen, die von Balkonen hing, Roller, die sich zwischen Autos hindurchschlängelten, und einen Mann mit einem hölzernen Karren, der Zitronen verkaufte, die so groß waren wie ihr eigener Kopf.
Ihr Ziel war ein Gebäude direkt am Wasser im Park der Villa Comunale: ein langes, ockerfarben gestrichenes italienisches neoklassizistisches Bauwerk mit hohen Bogenfenstern. Eine kleine Messingplakette trug die Aufschrift STAZIONE ZOOLOGICA ANTON DOHRN. Darunter, in kleineren Buchstaben, FONDATA 1872.
Polly kannte diesen Ort. Er war von einem deutschen Zoologen namens Anton Dohrn gegründet worden, der in seinen Zwanzigern nach Neapel gekommen war, weil die Bucht das reichste Meeresökosystem Europas war und er es studieren wollte. Er hatte das Institut mit dem Geld seiner Familie und der Hilfe von Kollegen aufgebaut. Es war das älteste noch in Betrieb befindliche Meeresbiologie-Institut der Welt. Seit 1873 wurden hier Oktopusse erforscht.
Sie setzte sich auf ein schmiedeeisernes Geländer in der Nähe des Eingangs. Eine junge Forscherin in weißen Schuhen und einem marineblauen Laborkittel schloss die Hintertür auf. Die Frau sah Polly. Sie wirkte nicht überrascht. "Sei in ritardo," sagte sie lächelnd. "Oder vielleicht früh. Komm rein."
So ging Polly durch die Hintertür der Stazione Zoologica.
Das Gebäude roch nach Meerwasser, salzig und sauber. Lange Korridore führten zwischen Räumen voller Becken hindurch. Durch die Glaswände konnte sie Bänder von Sardinen sehen, die sich gemeinsam drehten, einen kleinen Oktopus, der sich in eine Ecke seines Beckens drückte, und einen Seehasen, der langsam über ein Kelpblatt kroch.
Read it. Then say it.
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Der Name der Forscherin war Chiara Bianchi. Sie studierte seit neun Jahren die Kognition von Kopffüßern an diesem Institut. Sie ging zügig. "Der Direktor ist diese Woche in Stockholm," sagte sie. "Du wirst hauptsächlich mich und die Tiere sehen. Die Oktopusse sind die klügsten unserer Tiere. Oder zumindest die klügsten von denen, bei denen wir sicher sind, dass sie bewusst sind. Bei den Seehasen sind wir uns noch nicht sicher."
Sie kamen zu einem hohen runden Becken in einem ruhigen Hinterzimmer. Eine handgeschriebene Karte an der Seite trug die Aufschrift PASTA, 2,3KG, GPO. Im Inneren des Beckens, in der Ecke, halb in ein Stück Plastikrohr gefaltet, befand sich ein riesiger Pazifischer Oktopus. Der Großteil seines Körpers war in der Farbe des Rohres gehalten. Acht Arme waren ordentlich um sich selbst gewickelt. Ein Auge, golden und mit rechteckiger Pupille, beobachtete sie durch das Glas.
Chiara stellte ihren Kaffee auf eine Theke. "Pasta," sagte sie, "das ist Polly."
Der Oktopus bewegte sich nicht. Seine Haut nahm langsam einen sanften Rosaton an den Rändern an, wo sie das Rohr berührte. Polly neigte ihren roten Kopf. Der Oktopus neigte nichts, aber sein einzig sichtbares Auge blieb auf ihr.
"Du kannst dich auf den Rand setzen," sagte Chiara. "Sie wird dich nicht nass spritzen. Sie ist morgens ruhig. Nachmittags wird sie clever."